Schamanische Seelenrückholung

von Vera Griebert-Schröder

Wenn Menschen einen schweren Verlust erleiden, wenn sie unter Schock stehen, wenn sie sich machtlos oder missbraucht fühlen, dann verlieren sie oft den Kontakt zu sich selbst. Die Psychologie hat dafür einen Namen: das Posttraumatische Belastungssyndrom. Schamanen aller Zeiten entdeckten dieselben Symptome, aber sie sprachen seit jeher vom „Verlust der Seele“.

Traditionell sehen Schamanen Krankheiten als Zeichen für eine Störung oder sogar den Verlust der persönlichen Kraft auf körperlicher und psychischer Ebene. Dafür gibt es drei mögliche Ursachen: Zum einen kann ein Kranker über zu wenig Energie verfügen und ist dadurch geschwächt. Zum anderen plagen manche Menschen zu viele oder störende Energien, die ihn überfordern oder belasten. Als drittes gehen die Schamanen davon aus, dass ein Teil der Seele verloren gegangen ist. Hier helfen sie, indem sie in die andere Welt reisen und die fehlenden Seelen-anteile ihrer Klienten zurückholen.

Als Seelenverlust bezeichnet man, wenn jemand - vielleicht schon in der Kindheit - durch Schicksalsschläge und traumatisierende Erfahrungen Teile seiner Seele und somit ein Stück seiner Lebenskraft eingebüßt hat. Wir nennen es auch Verlust von Lebensessenz oder Vitalität. Kinder verlieren Seelenanteile, wenn sie sich immer wieder ungeliebt oder abgelehnt fühlen. Insbesondere verlässt die Seele jedoch einen Körper, um einer unerträgliche Situation, wie z.B. körperlichem oder seelischem Missbrauch, zu entgehen.

Die Symptome für Seelenverlust sind sehr vielfältig. Sie reichen von chronischer Müdigkeit über Depression zu rezidivierenden Erkrankungen. Oft beschreiben die Klienten, dass sie sich schwer damit tun, präsent zu bleiben, manche fühlen sich apathisch und wie abgestorben, dauerhaft von tiefen Gefühlen abgeschnitten.

Tatsächlich entflieht eine Seele aus der sie bedrohenden Situation in die sicheren Räume anderer Welten, um dort ihrer Vernichtung zu entgehen. Schamanen und schamanisch Praktizierende sind diese Welten jedoch vertraut. Mit ihren geistigen Helfern und Krafttieren begeben sie sich dort auf die Suche nach diesen fehlenden Anteilen, um sie wieder nach Hause zu bringen.

Wenn ich im Auftrag eines Klienten in die „Nichtalltägliche Wirklichkeit“ reise, halte ich mich an die zuvor klar formulierte Absicht: „Ich bringe die Seelenanteile zurück, die jetzt Willens sind meinem Klienten zu helfen.“ Dadurch ist gewährleistet, dass gezielt die Lebenskraft für die aktuelle Situation geholt wird und ausschließlich die Anteile, die wirklich zum Betroffenen zurückkommen möchten.

Zu Beginn der gemeinsamen Arbeit zelebrieren wir eine Reinigung und erschaffen einen heiligen Raum, um uns den Zugang zur Nicht-Alltäglichen-Wirklichkeit zu eröffnen. Dann knie ich mich neben den liegenden Klienten und reise mit dem rhythmischen Schlag meines Trommelns durch Raum und Zeit - dorthin, wo der Seelenverlust stattgefunden hat. Diese Vorgehensweise erfordert von mir eine intensive Zusammenarbeit mit meinen Helfern aus der anderen Welt und das unbedingte Vertrauen, dass ich die notwendige Assistenz von ihnen bekomme.

Wenn meine Reise beginnt, fühle ich üblicherweise einen Zug im Magenbereich und werde von meinem Krafttieren dorthin gebracht, wo ich die Seele des Klienten finden kann. Meistens erfahre ich den fehlenden Seelenanteil in demselben Alter, in dem der Betroffene war, als er ihn verloren hat. Manchmal werden mir dazu Situationen gezeigt, die der vergangenen Realität entsprechen, manchmal bekomme ich ein Geschehen zu sehen, das als Bildersprache für die damit verbundenen Emotionen zu verstehen ist. Gemeinsam mit meinem Krafttier nehme ich Kontakt zu dem Seelenteil auf, bitte ihn mitzukommen und nehme ich ihn in meine Trommel auf, wenn er einverstanden ist. Weigert er sich, muss ich ihm erklären, dass sich die Situation verändert hat und dass die erwachsene Person nun wirklich in der Lage ist, ihn jetzt auch vor schweren Übergriffen zu schützen. Niemals belüge ich diese Seelenteile. Wenn ich weiß, dass der Erwachsene in einer ernsthaften Krise steckt, werde ich der Seele keinen Rosengarten versprechen, sondern sie bitten, ihn genau in dieser Lebensphase zu unterstützen. So hat noch immer jede Seelenqualität zugestimmt zu helfen.

Jetzt kommt der für mich als schamanisch Praktizierende wesentliche Moment: Ich benutze mein konzentriertes Bewusstsein und meine Herzenskraft, um die gesammelte Seelenenergie mithilfe meines Trommelns in die „Alltägliche Wirklichkeit“ zu bringen. Mit der Unterstützung meiner schamanischen Kräfte und Helfer wird diese Energie nun physisch spürbar, sie manifestiert sich in meinen Händen. Nun blase ich sie dem Klienten behutsam in den Brustkorb oder das Scheitelchakra ein und bleibe dann sehr aufmerksam, um beim Absorbieren der Energie weiter behilflich zu sein. Es ist bei dieser Arbeit unerlässlich, dass der Klient sich weit öffnet und empfänglich macht, um bewusst die physisch spürbaren Seelenenergien in jede Körperzelle aufzunehmen. Dies geschieht meist durch Bilder oder Klänge, um die er bei der Vorbereitung auf diese Zeremonie gebeten hat. Diesen längeren Prozess begleite ich mit Singen, Rasseln oder Trommeln. Erst dann erzähle ich, welche Lebensessenzen nun in seinem Körper zurückgekommen sind.

Ist die Seele zurückgekehrt, kehren auch Kraft und Lebensfreude zurück. Dies schafft die Basis, die man braucht, um auf allen Ebenen wieder gesund zu werden.

Nun beginnt die persönliche, eigenverantwortliche Arbeit des Klienten. Er stellt seinem wiedergewonnenen Seelenanteil folgenden Fragen:

  1. Was kann ich tun, damit du bei mir bleibst?
  2. Welche Geschenke bringst du mir mit?
  3. Was kann ich mit deinen Fähigkeiten in meinem Leben tun?
  4. Warum bist du weggegangen?


Die Phase nach der Seelenrückholung ist eine wichtige, intensive Zeit, um diese Seelenqualität bewusst zu spüren und sie bewusst in den Alltag zu integrieren. Oft bringt mein Krafttier für Klienten ein kleines Ritual aus der nichtalltäglichen Wirklichkeit mit, um die tägliche Integration zu vertiefen. Die Kenntnis der schamanischen Bewusstseinsreisen und jede Art einer Meditationspraxis ist dabei hilfreich, genauso wie ein vertrauter Umgang mit Krafttieren und anderen geistigen Helfern

Wer sich eine Zeremonie der Seelenrückholung wünscht, sollte sich auch darauf vorbereiten, alte Gewohnheiten zu ändern. Ich bitte jeden im Vorfeld sich mit den folgenden Fragen auseinander zu setzen:

  1. Was bringt Leidenschaft in dein Leben?
  2. Mit welchen Inhalten kann ich eine positive Zukunft leben?
  3. Welche kleinen Dinge begeistern mich und schaffen Freude in meiner Welt?


Durch die Seelenrückholung werden die persönlichen Ressourcen des Klienten aktiviert und mit ihnen seine eigenen Selbstheilungskräfte. Ein Mensch, dem diese verlorene Seelenkraft wiedergegeben wird, erscheint bisweilen wie verwandelt. Er wird wieder vollständig, voller Energie und Kreativität.


Dieser Artikel wurde von Vera Griebert-Schröder zur Verfügung gestellt. www.innenwege.de